„Jeder Mensch denkt vermutlich im Leben mal daran“

Erstellt am 10.09.2021

Interview mit Pfarrerin Bärbel Vogtmann zum Welttag zur Suizidprävention am 10. September

Zum Welttag zur Suizidprävention hat die Diakonie RWL mit Pfarrerin Bärbel Vogtmann, Leiterin der Seelsorge- und Beratungsstelle Prisma in Bochum, gesprochen. Sie schildert im Interview, wie Prisma Betroffene berät, wie man als Freund helfen kann und warum es wichtig ist, dass wir über mentale Gesundheit sprechen. 

1.    Frau Vogtmann, was leistet die Beratungsstelle Prisma und was ist das Besondere an ihr?

PRISMA bietet Menschen Unterstützung an, die sich mit dem Gedanken tragen, ihr Leben zu beenden, weil sie es, so, wie es ist, nicht mehr aushalten können. Wir beraten auch Menschen, die um jemanden in Sorge sind, den sie für suizidgefährdet halten. Und wir begleiten Menschen in ihrer Trauer, die jemanden durch einen Suizid verloren haben. "Wir" das ist ein Team aus insgesamt neun Personen, wovon acht diese Arbeit ehrenamtlich machen. Es sind ausgebildete und erfahrene Seelsorgerinnen und Seelsorger, die sich für diese Gespräche mit Menschen in außergewöhnlich bedrängenden Situationen zur Verfügung stellen.

2.    Hinter jedem Menschen steckt eine Geschichte. Mit welchen Geschichten kommen die Menschen in Ihre Beratung?

Menschen ganz unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Lebenssituationen melden sich bei PRISMA. Gemeinsam ist ihnen, dass sie jemanden suchen, mit dem sie offen über ihre notvolle Situation sprechen können. Zu dem, was ihr Leben unter Umständen unerträglich macht, kann vieles gehören: eine unerwartete Trennung, ein Jobverlust, eine schwere Krankheit, eine dauernde Überlastung, die zu großer Erschöpfung führt, eine Mobbingerfahrung, große Einsamkeit, Ängste und manches mehr. Häufig sind die Menschen, die kommen, an einer Depression erkrankt. Manche erstmals, manche wissen dies bereits und haben Erfahrungen mit verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten.

3.    Wie sieht eine Begleitung durch Prisma aus?

In vertraulichen Gesprächen können die Ratsuchenden aussprechen, wie es ihnen geht, was sie belastet und umtreibt. Wir hören aufmerksam zu und haben Respekt vor der Person und ihrer Situation. Wir nehmen mitmenschlich Anteil und erleben, dass dies bereits zu einer ersten hilfreichen Entlastung und Unterstützung für die Betroffenen führen kann. Je nach Situation beraten wir, ob und gegebenenfalls welche weiteren Hilfen sinnvoll sein könnten und welche Schritte sich die Ratsuchenden zutrauen, um Veränderungen in ihrem Leben zu erwirken. Die Gespräche sind zahlenmäßig begrenzt, werden aber situationsabhängig und in gemeinsamer Absprache angepasst.

4.    In welchen Situationen kann ein Gedanke entstehen, nicht mehr leben zu wollen?

Einige Situationen habe ich oben schon angedeutet. Der Gedanke, nicht mehr leben zu wollen, kann Verschiedenes ausdrücken, zum Beispiel: "Ich fühle mich komplett überfordert, ich schaffe das alles nicht." Oder: "Ich bin eine Niete, ein totaler Loser, ich bin nichts wert. Ich bin höchstens noch eine Last für andere." Oder: "Ich stehe ganz alleine da; niemand will was mit mir zu tun haben. Das war schon immer so und wird sich auch nicht ändern." Oder: "Ich sehe in meinem Leben einfach überhaupt keinen Sinn. Es ist nur Leiden."

5.    Wie erkenne ich selbst, dass ich mich in einer gefährlichen Krise befinde?

Jeder Mensch denkt vermutlich irgendwann im Leben mal daran, wie es wohl wäre, sich selbst das Leben zu nehmen. Das ist ein normaler Gedankengang, der uns möglich ist. Wenn ich aber merke, dass ich sehr häufig daran denke oder dass ich in dauerndes Grübeln gerate, dann wird es brenzlig. Andere ernsthafte Anzeichen sind: Ich ziehe mich immer stärker von anderen zurück, ich spreche nicht darüber, wie es mir geht, ich tue so, als wäre alles in Ordnung. Das kostet unglaublich viel Kraft. Oder ich bemerke, wie ich ständig alles unter dem Aspekt bewerte: „Soll ich "es" tun oder nicht, leben oder tot sein, ja oder nein ...?“ Das ist auch extrem kräfteraubend und ein Alarmzeichen.

6.    Und was kann ich tun, wenn eine Freundin mir sagt, dass sie sich das Leben nehmen möchte?

Dann wäre es gut, wenn ich danach frage, was denn los ist und damit meiner Freundin die Möglichkeit gebe, sich zu öffnen. Damit zeige ich ihr auch: Ich nehme dich ernst und du bist mir wichtig. Es ist aber genauso wichtig, auf die eigene Belastungsgrenze zu achten und meiner Freundin ehrlich zu sagen, was mir zu viel wird. Ich kann ihr möglicherweise ehrlichen Herzens anbieten, weiter für sie da zu sein, aber nicht rund um die Uhr und auch nicht alleine. Ich kann sie bitten, sich auch anderen anzuvertrauen, zum Beispiel der „TelefonSeelsorge“ oder PRISMA-Mitarbeitenden, einer anderen Beratungsstelle oder einem Arzt.

7.    Und was auf keinem Fall?

Vorhaltungen oder Vorwürfe sind gar nicht hilfreich. Ebenso wenig ignorieren, überhören, darüber hinweggehen. Die Person anderweitig unter Druck zu setzen, ist auch ganz ungünstig. Das kann leicht passieren, weil wir selbst unter Druck geraten, wenn uns gegenüber jemand davon spricht, sich das Leben zu nehmen. Dennoch sollten wir vermeiden, etwas zu sagen wie: "Du musst jetzt unbedingt dieses oder jenes tun!".

8.    Und warum ist es wichtig, über mentale Gesundheit zu sprechen?

Wir tun uns verhältnismäßig leicht damit, mit anderen über unser gebrochenes Bein oder unsere Pollenallergie zu sprechen. Aber wir sprechen sehr viel weniger über mentale und emotionale Belastungen, Beeinträchtigungen oder Erkrankungen, obwohl sie uns genauso beschäftigen und der Umgang damit herausfordernd sein kann. Wir haben Angst, teilweise leider berechtigte Angst, dass dies eine negative Bewertung unserer Person nach sich ziehen könnte. Dabei sind mentale und auch emotionale oder soziale Beeinträchtigungen genauso "normal" und weit verbreitete körperliche Beschwerden. Es ist ganz menschlich, sie aus eigener Erfahrung zu kennen, und es sollte normal sein, darüber zu sprechen, damit nicht noch die Last einer Stigmatisierung obendrauf kommt.

 

Interview: Adriana Florianowicz-Kuzia, Redaktion: Christoph Bürgener

 

 

Pfarrerin Bärbel Vogtmann arbeitet bei der Telefonseelsorge Bochum und in der Beratungsstelle PRISMA.

Kontakt

Die Telefon-Seelsorge kann man wie folgt erreichen:
Telefonisch: 0800/1110111, 0800/1110222.
Per Chat und Mail: https://online.telefonseelsorge.de/
Web: https://telefonseelsorge-bochum.de/cms/
Vor Ort in Bochum: „TelefonSeelsorge Bochum“, Postfach 10 01 47, 44701 Bochum

Die Beratungs- und Seelsorgestelle PRISMA bietet Menschen Unterstützung an, die sich mit dem Gedanken tragen, ihr Leben zu beenden.

Ausstellung in der Pauluskirche

Aus Anlass des 25-jährigen Bestehens der Beratungsstelle PRISMA lädt die TelefonSeelsorge Bochum im September zu einer Ausstellung in die Pauluskirche ein.
Die Ausstellungseröffnung findet am 10. September um 18.30 Uhr mit einer Lesung und Musik statt.

Die Ausstellung ist anschließend vom 11. - 30. September immer dienstags bis samstags zu besichtigen:
Di + Sa 11 - 15 Uhr
Mi - Fr 13 - 17 Uhr
Sowie Sonntag, 19. September, von 14 - 18 Uhr

Zu sehen sind Bilder einer Betroffenen, die anonym bleiben möchte.

Den Abschluss der Ausstellung bildet ein öffentlicher Vortrag von Pfr. i.R. Werner Posner am 30.09.2021 um 18.30 Uhr über Seelsorge im Kontext suizidaler Krisen.