Für ein Leben in einer verunsicherten Welt

Erstellt am 26.08.2020

Neues Halbjahresprogramm der Evangelischen Stadtakademie vorgestellt

Der bekannte Wirtschaftsautor Christian Felber ist im September Gast der Evangelischen Stadtakademie und stellt seine "Gemeinwohl-Ökonomie" als "Wirtschaftsmodell mit Zukunft" vor. Bild: privat

War das zurückliegende Semester noch von Improvisation geprägt, so zeigt das neue Programm der Evangelischen Stadtakademie Experimentierfreude. "Bei allen Unwägbarkeiten in dieser Corona-Zeit versuchen wir ein reichhaltiges Angebot zum berührten Hinschauen, Lernen, Nachdenken, Diskutieren, Meinungsbilden und -ändern, zur Auseinandersetzung mit Lebens-  und Glaubensfragen und zum Handeln zu präsentieren", kündigt Pfarrerin Dr. Anja Nicole Stuckenberger, Leiterin der Stadtakademie, an.


Ab September hat Deutschlands älteste evangelische Stadtakademie neben den schon klassischen Zukunftsthemen wie z.B. Klimawandel und Digitalisierung auch aktuelle Fragestellungen im Programm.

Ergänzt werden diese Bereiche durch kulturelle Angebote, u.a. durch das ArtEnsemble, ein gern gesehener Gast in der Stadtakademie - diesmal mit dem Theaterstück „Singvögel und Raben waren auch nicht mehr da“, das nach dem „Bericht aus dem Zentrum der Atombombenexplosion“ von Shigemi Ideguchi entstanden ist und an den Atombombenabwurf auf Hiroshima vor 75 Jahren erinnert.

"Wir werden mit unserem aktuellen Programm auch unsere bewährten Kooperationen fortsetzen und neue ausprobieren", kündigt Stuckenberger weiter an. Auch hier soll der Erfahrungsaustausch im Mittelpunkt stehen.

Dazu gehört zum Start am 1. September die Konzert-Lesung "Für den Tag des Friedens" im Gedenken an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 81 Jahren. Mit Texten u.a. von William Shakespeare, Anna Seghers und Christa Wolf sowie Musik u.a. von Johann Sebastian Bach, Arthur Honegger und Erik Satie. Rezitation: Heiner Stadelmann, Orgel: Ludwig Kaiser, um 19.30 Uhr in der Melanchthonkirche an der Königsallee 46.

Weitere Details zum Programm im nachfolgenden Interview mit der Akademie-Leiterin Anja Nicole Stuckenberger und auf der Homepage der Stadtakademie.

"Hier können wir unsere Meinungen in Ruhe betrachten" - Akademie-Leiterin Anja Nicole Stuckenberger im Gespräch

Nach dem Corona-Aus im Frühjahr setzt die Evangelische Stadtakademie mit ihrem aktuellen Programm zum Neustart an. Im Gespräch blickt Akademie-Leiterin Anja Nicole Stuckenberger auf die neuen Angebote. Die Fragen stellte Rolf Stegemann.

??: Frau Stuckenberger, das neue Programm klingt nach Hoffnung...

Stuckenberger: Nach zweierlei Arten von Hoffnung: Eine Art trotziges „einfach machen“, wir werden neue Wege finden; loslassen können wir immer noch, zum einen. Zum anderen die Überzeugung, dass Menschen ihren Geist, ihre Haltung und ihr Handeln fundiert, kritisch und kreativ bilden, formen und herausfordern wollen. Themen, die unsere Aufmerksamkeit erfordern, gibt es wahrlich genug, und ebenso gibt es Schönes, das uns wohltut. Unsere Kooperation mit CICUIT und Slow Food in der Reihe „Landwirtschaft, Ernährung, Umwelt“ verknüpft die Herausforderungen mit dem Schönen. Das Motto des zweiten Halbjahrs jedenfalls ist: „Vielleicht, wenn wir nicht mehr wissen ‚was tun‘, kommen wir bei unserer echten Arbeit an. Und wenn wir nicht mehr wissen ‚wohin wenden‘, beginnen wir unsere wahre Reise. Der Verstand, der nicht perplex ist, ist ungenutzt. Wir haben gemeinsam den Lockdown erlebt, jetzt geht es (flexibel) weiter.


??: Was erwartet den Akademiefreund jenseits des bewährten Programms?

Stuckenberger: Es ist schön, dass Sie von einem „bewährten Programm“ sprechen, denn damit weisen Sie auf sich stets weiter entwickelnde Diskussionen in der Stadtöffentlichkeit hin, die in der Evangelische Stadtakademie Raum und Zeit zur Entfaltung finden.

Aber Sie haben nach den neuen Dingen gefragt. Es gibt eine große Vielfalt an Themen und Kooperationen! Gemeinsam ist den Veranstaltungen ihre Inspiration durch Origami, Zweidimensionales in Multidimensionales zu entfalten, das scheinbar Einfache in seiner Komplexität zu erforschen und es sich so näher zu bringen, handhabbarer und kostbarer zu machen.

Ein paar Beispiele. In Kooperation mit der VHS veranstalten wir das partizipative Projekt „Gesellschaft im Wandel – Kirche im Dorf?“ im LutherLAB in Langendreer. Für Theater- und Musikinteressierte bieten wir z.B. einen Abend zum 100. Geburtstag von Paul Celan an. Außerdem werden wir die bekannte Kinderbuchautorin Jutta Richter („Der Hund mit dem Gelben Herzen“) in einer Kooperationsveranstaltung mit der Evangelischen Familienbildung begrüßen.

Die Reihe „Das Ewige Jetzt“ (im Stadtteilzentrum Q1) eröffnet ethnologische Perspektiven auf die Präsenz der „aufgehobenen Zeit“ in der Gegenwart.

Den Auftakt zu unserer Beschäftigung mit dem Thema Klimawandel und Gesellschaft bildet der Vortrag des Gemeinwohlökonomen Christian Felber, das im Metropolis Kino am 10. September in Kooperation mit der GLS Treuhand stattfinden wird.

Auch werden wir uns mit Fragen der Bundeswehr als Teil unserer Gesellschaft beschäftigen.
Digitalisierung, Kunst, Philosophie, Geschichte und Spiritualität sind weitere Themenfelder.

Eric Wallis‘ Vortrag zum „Argumentationsmuster ‚Meinungsfreiheit‘“ steht dabei zentral für unsere Anliegen, Bildungs- und Gesprächsformate zu fördern und zu entwickeln, die der Komplexität der Welt gerecht werden, um uns den Raum zu geben, unser Wissen zu bereichern und auch unsere Meinungen in Ruhe zu betrachten und ändern zu können.

??: Bietet die Corona-Krise auch die Chance, durch neue digitale Formen weitere Kreise anzusprechen?

Stuckenberger:
Corona fordert heraus. Das Herz unserer Arbeit ist das informierte, kritisch forschende und handlungsrelevante Gespräch inmitten der Stadtöffentlichkeit – am effektivsten und eindrücklichsten vor Ort, von Angesicht zu Angesicht. In Zeiten des Corona-Lockdowns haben wir mit Diskussionen auf einer Konferenzplattform zu Vorträgen in unserer Mediathek (www.stadtakademie.de) recht erfolgreich experimentiert. Andere Bildungsplattformen stehen uns zur Verfügung. Die digitale Welt bietet einen stets wachsenden Fundus an Materialien an. Ziel wird sein, Formate zu finden, die die Diskussion unterstützen und ausweiten, auch international.

Anja Nicole Stuckenberger, Leiterin der Evangelischen Stadtakademie Bochum. Foto: privat

Neustart

Anja Nicole Stuckenberger ist nicht zu beneiden. Kaum hatte die neue Leiterin der Evangelischen Stadtakademie Anfang des Jahres ihr erstes Programm vorgelegt, da zerbröselte es im Lockdown der Corona-Krise.

Nun der Neustart - und einer, der Hoffnung macht.

Denn wie unter einem Brennglas bündelt Corona die besten Eigenschaften der Akademie-Arbeit. Gesellschaftliche und religiöse Stimmen und Stimmungen aufgreifen, analysieren und Lösungen für eine menschliche Zukunft suchen. Eine spannende, eine wichtige, ja lebenswichtige Aufgabe - jenseits von Verschwörungsszenarien und Hasstiraden.

Anja Nicole Stuckenberger ist echt zu beneiden.

Rolf Stegemann