Lebendige Kirche mitten in der Stadt

Erstellt am 04.06.2020

Rückblick auf den Musiksommer 2019: Romantischer Flair und tanzbare Musik rund um die Pauluskirche zogen abends zahlreiche Besucher an.

Die Citykirchen-Arbeit rund um die Pauluskirche in Corona-Zeiten

Pfarrerin Heike Lengenfeld-Brown und Uwe Säcker halten auch während der Corona-Pandemie die innerstädtische Pauluskirche offen. Allerdings mit eingeschränkten Öffnungszeiten. Fotos: Fritz-Wicho Herrmann-Kümper

„Obdachlose und Professoren, kirchennahe und –distanzierte Menschen, Leute aus der Gemeinde und der ganzen Stadt: Sie alle besuchen unsere Angebote“, berichtet Pfarrerin Heike Lengenfeld-Brown aus der Citykirchen- und Gemeindearbeit rund um die Pauluskirche der Evangelischen Kirchengemeinde Bochum. Doch seit Mitte März und der Corona-Krise ist vieles anders.

„Unser Gemeindehaus als ‚Offener Begegnungsort‘ ist zwar zum ersten Mal seit Mitte der 90er Jahre zu, als wir mit der Arbeit starteten. Einige Aktivitäten finden trotzdem weiterhin statt“, erzählt die Pfarrerin. Die zuletzt über 30.000 Besucher, die jährlich das Kirchenzentrum nutzten, werden aber damit nicht erreicht.

So gibt es die „Offene Kirche“, dessen Team Uwe Säcker leitet. Sie findet derzeit dienstags bis freitags von 13 bis 16 Uhr statt. Hinzukommen die sonntäglichen Zeiten von 10 bis 12 Uhr als Angebot für eine stille Andacht.

Verschiedene Gruppen wie etwa das „Kirchencafé-Team“, das „Tafel-Team“ oder das „Weltladen-Team“ halten zudem miteinander Kontakt. Die beiden Frauenhilfen, die im Kirchenzentrum zu Hause sind, finden telefonisch zusammen. „Wir Theologen sind mit den Leitungen der Gruppen und vielen unserer rund 100 Ehrenamtlichen in Kontakt“, betont die Seelsorgerin.

Die „Englischsprachige Gemeinde“ (English Speaking Christian Congregation = ECC), theologisch geleitet von Referent Jimmy Brown, ist ebenfalls an der Pauluskirche zu Hause. Sie ließ es sich nicht nehmen, den traditionsreichen zweisprachigen Pfingstgottesdienst auch in diesem Jahr mit der Ortsgemeinde zu feiern. Allerdings vor allem im Internet.

Zurück zur Citykirchenarbeit, die die Besucher anzieht. Darunter sind die beiden jährlichen Großveranstaltungen „Bochumer Kultursommer“ und der „Mittelalterliche Weihnachtsmarkt“: Beides findet aus heutiger Sicht in diesem Jahr nicht statt. Der „Bochumer Kultursommer“ ist schon abgesagt. Eine Ersatzveranstaltung in Planung.

„Die beiden Großveranstaltungen tragen dazu bei, dass Kirche als starker Partner von Stadt und Bürgerschaft wahrgenommen wird“, betont Lengenfeld-Brown. Das Konzept für den Mittelaltermarkt entwickelte Bochum-Marketing. Gemeinsam wird es als Ergänzung des Weihnachtsmarktes auf dem Dr. Ruer-Platz umgesetzt. Das Ziel: Den Charme der historischen Kirche zu unterstreichen.

Der Akzent dieser niederschwelligen Arbeit liegt nicht auf den Großereignissen. Vielmehr sind das die Kleinveranstaltungen. Etwa die „Offene Kirche“ von Anfang an. Lengenfeld-Brown: „Wir bieten hier einen Ruhepol als Kontrast zum teilweise turbulenten Einkaufsgeschehen.“ In der Pauluskirche laden neben der Kirchenbank, Kerzen sowie Bibeln für Momente der Stille ein.

Letztere sind eine örtliche Besonderheit, denn die Gemeinde hält gut 25 Stück in ebenso vielen Sprachen für ihre multikulturellen Gäste vor. „Die Idee brachten wir von einem Besuch in Westschottland mit“, erinnert sich die Seelsorgerin.

Verschiedene Selbsthilfegruppen treffen sich vor Ort. Darunter auch die beiden kirchennahen Gruppen „Trauercafé“ und „Heilsames Berühren - Handauflegen in der Stille“. Weitere regelmäßige Gäste sind das „Erzählcafé“ der Diakonie Ruhr, der Stadtverband der Frauenhilfe sowie das „Orgelkonzert am Freitag“ (17 bis 18 Uhr), gestaltet von externen Musikern. „Wir sehen unsere kirchlichen Räume als Treffpunkte an, wo Menschen zusammenkommen können. Sie finden hier einen Ort der Gemeinschaft“, erklärt die Pfarrerin.

Und wie kam es zur Idee, die Türen für die Citykirchenarbeit zu öffnen. „In der Innenstadt sind viel mehr Leute unterwegs als in den Vororten. Vor allem kirchenfernere Menschen sind hier mit einer solchen Arbeit eher ansprechbar. Aber auch unsere rund 4.000 Mitglieder im Gemeindebezirk finden es gut, während der längeren Öffnungszeiten von Kirche und Gemeindezentrum einfach mal reinschauen zu können. Diese Mischung macht es“, schmunzelt die 65-Jährige, die im Dezember in den Ruhestand geht und hofft, dass bis dahin wieder alles etwas normaler läuft.

Fritz-Wicho Herrmann-Kümper