Kirche nimmt Abschied vom Bergbau

Erstellt am 03.09.2018

Ökumenischer Betriebsbesuch im Trainingsbergwerk der Ruhrkohle AG in Recklinghausen

Stadtdechant Michael Kemper (vorne v.l.), Andreas Penczek (RAG) und Superintendent Dr. Gerald Hagmann (vorne r.) führten die Besuchergruppe an. Foto: Fritz-Wicho Herrmann-Kümper


Der Ökumenische Betriebsbesuch im Kirchenkreis Bochum führte in diesem Jahr - ausnahmsweise – nach Recklinghausen zum Trainingsbergwerk der Ruhrkohle AG (RAG). 13 Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche nahmen an dem Besuch teil, unter ihnen Superintendent Dr. Gerald Hagmann und Stadtdechant Michael Kemper.


Für Organisatorin Rose Richter, Referentin für Wirtschaft, Arbeit und Soziales für die Region Ruhrgebiet beim Institut für Kirche und Gesellschaft der westfälischen Landeskirche, war der Besuch ein Muss. "Wir nehmen hier Abschied vom industriellen Ruhrbergbau. Mit der Schließung der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop endet die gut 150-jährige Ära Ende des Jahres. Das wollten wir nochmals würdigen", erklärte sie zum Veranstaltungsort.

Helm auf! Fahrmantel an! Fertig machen für die Einfahrt!, hieß das für die Beteiligten. "Das ist Pflicht, wenn es ‚Unter Tage‘ geht", betonte Andreas Penczek von der RAG, der das Bergwerk vorstellte. Dieses Mal allerdings ebenerdig und ohne Seilfahrt.

Die bergtechnischen Abbau- und Transportmaschinen sowie die obligatorische Schutztechnik waren gleichwohl in den Versorgungsstollen und in den abzweigenden Streben vorhanden. "Unsere Mitarbeiter sollten nach den letzten Schließungen hier unter möglichst realistischen Bedingungen ihre Umschulungen und Fortbildungen machen. Wir konnten ihnen schließlich nicht denselben Arbeitsplatz auf der neuen Zeche garantieren", erklärte der RAG-Mitarbeiter dazu. Sollten? Ohne Zechen gibt es keinen Schulungsbedarf mehr...? Penczek: "Außer für unsere Grubenwehr, die das zum größeren Teil freiwillig macht. Sie kommt samstags zum Training, damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt."

Die Enge im Streb zwischen Maschinenpark und geringer Deckenhöhe, den Lärm von Kohlehobel und Walzenschrämlader sowie die schwere körperliche Arbeit - etwa beim Streckenausbau - kamen gleichwohl in den Blick und vor allem zu Gehör. "Unter solchen Bedingungen möchte ich nicht arbeiten", sagte einige Teilnehmer mit Blick auf die mangelnde Bewegungsfreiheit und die enorme Geräuschkulisse.

Die Besuchergruppe thematisierte auch die gelungene Integration durch den Bergbau angesichts aktueller rechtsradikaler Hetzkampagnen. In den 60er Jahren kamen zahlreiche ausländische Mitarbeiter auf die Zechen ohne ein Wort Deutsch zu können. "Sie verständigten sich mit Hand- und Lichtzeichen mit ihren deutschen Kumpeln", erinnerte Stadtdechant Kemper. Sein Fazit zum Ende des Ruhrbergbaues: "Die heutige Integration über Tage haben Bergleute hier unten angeschoben."

Superintendent Hagmann würdigte die Nähe von Bergbau und Kirche. "Uns verbindet über die vielen Jahrhunderte die Spiritualität. Das heißt: Wir glauben, dass es neben allem rational Erklärbarem auch Kräfte gibt, die über das reine Verstehen hinauswirken und unseren großen Respekt vor der Schöpfung herausfordern."

Richter erinnerte: " Der Bergbau hat die Region zur Millionenmetropole gemacht und Generationen von Bergleuten Arbeit gegeben. Bis zu 600.000 Menschen arbeiteten zu den Hochzeiten in den Zechen an der Ruhr".

Penczek betonte zum Ende des Ruhrbergbaus: "Wirtschaftlich macht er keinen Sinn mehr trotz der hohen technischen Standards und bei aller Rationalisierung in den letzten Jahrzehnten. Wenn in Australien und anderen Ländern die Kohle für 60 bis 100 Euro pro Tonne abbaubar ist, wir aber mindestens 140 Euro pro Tonne benötigen, um schwarze Zahlen zu schreiben, sind wir nicht konkurrenzfähig."

Nun sind alle gespannt, wie es weitergeht. Klar war: Die Folgen des Bergbaus, wie etwa die Wasserhaltung, werden die Region noch lange beschäftigen.

Das Institut für Kirche und Gesellschaft bietet am Montag/Dienstag 29./30. Oktober 2018 ein Seminar mit Exkursion zu "Bergbau und Kirche" an. Das Thema: "Alltagswelt und Sonntagskirche. Was Kirche und Bergbau verbindet". Tagungsort: Haus Villigst, Schwerte. Kosten: 50/40 Euro pro Person. Kontakt: Sabine Mathiak: 02304/755-342.

                                                                                                                                                                                                    Fritz-Wicho Herrmann-Kümper