Kirchentagspräsident will Gräben in der Gesellschaft überwinden

Erstellt am 14.09.2018

Hans Leyendecker hielt Vortrag in der Evangelischen Stadtakademie

Der Präsident des 37. Evangelischen Kirchentags 2019 in Dortmund, der Journalist Hans Leyendecker, sprach in der Evangelischen Stadtakademie über die wichtigen Themen des großen Protestantentreffens im nächsten Jahr. Foto: Frauke Haardt-Radzik

Als Gast der Evangelischen Stadtakademie hat jetzt Kirchentagspräsident Hans Leyendecker dafür plädiert, Gräben in unserer Gesellschaft zu überwinden. Das größte protestantische Laientreffen im kommenden Juni in Dortmund könne dazu einen wertvollen Beitrag leisten.

„Was für ein Vertrauen", eine spöttische Frage aus dem Alten Testament, ein Erstaunen. Diese Frage steht als Kirchentagslosung über dem großen Laientreffen, das im nächsten Jahr vom 19. bis 23. Juni in Dortmund stattfinden wird. Seit Gründung der Bundesrepublik waren Evangelische Kirchentage Feste kirchlicher Gemeinschaft, sie nahmen aber immer auch Stellung zu gesellschaftlichen Entwicklungen und mischten sich ein.

Hans Leyendecker, einer der profiliertesten investigativen Journalisten der Gegenwart und amtierender Kirchentagspräsident, äußerte als Gast der Evangelischen Stadtakademie die klare Vorstellung, welche Vision dieses deutschlandweit größte Protestantentreffen in Dortmund in die Welt schicken soll: „Es muss ein Kirchentag sein, der sehr offen ist!“ Hier sollen ausdrücklich auch Menschen zu Wort kommen, die sagen, mich hört ja keiner. Er hoffe, dass das Treffen zigtausender Gläubiger im Juni nächsten Jahres ein ganz großes Treffen werde.

Der 69-Jährige war bis vor kurzem noch als Rechercheur unter anderem für die Süddeutsche Zeitung tätig und viele Jahre lang mit dem Aufdecken großer Skandale, etwa der Flick – oder der CDU - Parteispendenaffäre, beschäftigt. Jetzt möchte er Menschen ganz gegensätzlicher Auffassungen und Ansichten an den gemeinsamen Tisch bringen. Leyendecker möchte den Abgrund, der sich entlang der seit Jahren geführten Debatte um Zuwanderung, Abschiebung und Asyl auftut, überwinden.

Idealerweise solle der Kirchentag 2019 diese immer unverbundeneren Gruppen miteinander ins Gespräch bringen, hofft der amtierende Präsident und fordert, dass sich diese Gruppen unvoreingenommener als bisher zuhören und lernen, sich in die Sorgen der anderen einzufühlen.

Wer oder was verdient Vertrauen in unserer Gesellschaft? Angesichts der Flut von angeblichen Fake News und globalisierten Anschuldigungen wie z.B. Lügenpresse wird die Suche nach vertrauenswürdigen Nachrichten und Menschen immer schwieriger, formulierte Arno Lohmann, Leiter der Stadtakademie, dieses Problem. „Was passiert mit einer Gesellschaft, in der keiner einer WhatsApp, einem Tweed, einem Gütesiegel, einer Industrienorm, einem Abgaswert, einer Brücke, einem Klimawandelbericht mehr vertraut?“

In schwierigen Zeiten gibt es eine gewisse Pflicht zur Zuversicht. Dieses Kantzitat nahm Hans Leyendecker als Leitsatz seines Vortrags. Vertrauen sei das Lebenselixier jeder freiheitlichen Gesellschaft. „Ein wesentliches Element des Kirchentages war, ist und muss es immer bleiben, dass er unabhängig ist und von der eigenen inneren Freiheit ausgeht.“  Das schließe ausdrücklich unterschiedliche Meinungen ein.

Auf die Gesellschaft bezogen hieße es, wenn das Recht die Währung unserer Demokratie ist, dann ist Vertrauen ihr Kapital, so Leyendecker in seinem Vortrag weiter. Wo Vertrauen fehle, herrsche schnell Unsicherheit und Angst.

„Insbesondere seit Trump im Amt ist, gibt es ein Gefühl der großen Verunsicherung. Junge Leute haben oft kein Vertrauen in die Zukunft mehr, die Alten misstrauen den Eliten. Alle gemeinsam erleben immer wieder eine Welt, die von atemraubender Machtgier, von Rücksichtslosigkeit geprägt ist.“ Und das Wahnsinnige sei, dass gerade Menschen, die mit allem brechen, was über Jahrhunderte aufgebaut wurde, einen so großen Zulauf hätten.

Der Kirchentag lebt von der Toleranz, aber keiner Toleranz der Intoleranz. Es werde auch wieder über die AfD gesprochen werden beim Kirchentag, aber man werde keine Hetzer, keine Rassisten, keine Menschenfeinde einladen. „Und wir werden keine Leute einladen, die nur von der Provokation leben“, stellte Leyendecker klar heraus. Es solle jedoch mehr auf diejenigen geschaut werden, die sich nicht verstanden fühlen, die sich allein gelassen fühlen. Wir haben zu wenig hingeschaut, dadurch sei der Zulauf zu rechten Parteien auch zu erklären. Auch auf dem Kirchentag solle mehr hingeschaut werden. Dafür müssen Gesprächspartner gefunden werden, die in die Diskussion mit einsteigen. „Ich bin auf der Suche nach guten konservativen Leuten, die aber das Grundgesetz achten, die keine Systemzerstörer sind.“

Die Würde des Menschen ist unantastbar, so steht es im Grundgesetz. Leyendecker fordert, dass wir aufpassen müssen, dass Systemveränderer das Grundgesetz nicht zerstören können. Als Christ wichtig sei auch, was ganz zentral in der Bibel steht: Was Ihr getan habt einem dieser von meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr mir getan. „ Das ist ein zentraler Satz des christlichen Abendlandes, das ist ein zentraler Satz einer menschenwürdigen und sozialen Politik.“ Dabei erleben wir in diesen Tagen, dass dieser Satz mitunter nichts mehr gilt. Misstrauen in Chemnitz, Hass und Hysterie.

„Kann es sein, dass die Braunen und die Blöden wieder an die Macht kommen?“ fragte Leyendecker zweifelnd in die Runde und brachte den Begriff Hilde Domins vom Dennoch-Vertrauen ein. Er hoffe beim Kirchentag auf eine Diskussion hart in der Sache, denn schließlich gelte, das Gegenteil von Vertrauen ist Gleichgültigkeit.

                                                                                                                                                                          Frauke Haardt-Radzik