Direkt zum Inhalt der Webseite springen

Frauen auf der Flucht

Von Eva-Maria Ranft

Zahlen über Flüchtlingsfrauen

Weltweit sind 75% bis 80% der Flüchtlinge Frauen und Kinder. Die meisten dieser Frauen bleiben mit ihren Kindern in ihrer Herkunftsregion – nur etwa ein Viertel der Frauen auf der Flucht erreicht die reichen Industriestaaten. Frauen haben in den patriarchalen Gesellschaften besonders unter der Armut zu leiden. Das treibt sie einerseits zur Flucht, macht aber andererseits ihre Flucht besonders schwierig. So fehlen ihnen die Geldmittel für Pässe, Visa, Fahrtkosten und Fluchthelfer. Hinzu kommt, dass es in der Regel die Frauen sind, die die Verantwortung für Kinder oder ältere Familienangehörige tragen. Dadurch sind sie weniger mobil, und es erhöht sich die Gefahr, entdeckt zu werden.

Frauen, die sich trotz all dieser Schwierigkeiten zur Flucht oder Migration entscheiden, versuchen also, nicht länger Opfer einer Situation zu sein, sie sind vielmehr aktive Personen, die die die eigene Zukunftsgestaltung bewusst in die Hand nehmen wollen.

 

Auf der Flucht

Die Flucht vieler Frauen endet in Flüchtlingscamps der Nachbarländer. Auch hier bilden Frauen und Kinder häufig die große Mehrheit. Das bringt spezielle Probleme mit sich. So nutzen viele Helfer ihre Machtposition aus und geben Lebensmittel und andere Hilfsgüter nur an Frauen weiter, die ihnen sexuell zur Verfügung stehen. Der UNHCR bemüht sich daher, verstärkt weibliche Helfer in den Lagern einzusetzen.

Die Frauen, die nach Europa wollen, sind durchweg auf die Hilfe von Fluchthelfern angewiesen, um in die "Festung Europa" zu gelangen. Diese nutzen die Abhängigkeit der Frauen zu sexuellen Übergriffen. In gleicher Weise sind aber auch Grenzpolizisten und Räuber eine Gefahr für Frauen auf der Flucht.

 

Frauenspezifische Gründe

Frauen sind zum einen natürlich aus den gleichen Gründen auf der Flucht wie Männer. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von Gründen, die Frauen alleine auf Grund ihres Geschlechtes betreffen, und die die Frauen zur Flucht treiben.

Genitalverstümmelung findet in den letzten Jahren endlich ein größeres Echo in der Öffentlichkeit. Weltweit sind nach Angaben der WHO 130 Millionen Frauen davon betroffen, jährlich droht 2 Millionen Mädchen die Genitalverstümmelung. Mädchen und Frauen in 26 afrikanischen und einigen asiatischen Ländern sind davon betroffen.

Viele Frauen fliehen, weil sie in ihren Ländern durch eine Vielzahl von Regeln, Gesetzen, Vorschriften oder Traditionen in ihren Lebensmöglichkeiten und ihrer Selbstbestimmung massiv eingeschränkt werden. Drastisch wurde dies der Weltöffentlichkeit vor Augen geführt durch die Situation der Frauen unter der Talibanherrschaft in Afghanistan. Auch wenn dies aus den Schlagzeilen verschwunden ist, geht die Unterdrückung der Frauen in vielen Ländern der Erde weiter: Frauen werden zwangsverheiratet, sie werden um der Familienehre willen ermordet, ihnen wird der Zugang zu Bildung und Ausbildung verweigert. Frauen werden umgebracht, weil die Mitgift nicht einträglich genug ist oder sie werden als Witwen verbrannt. In vielen Ländern, z. B. Ägypten oder Thailand, brauchen Frauen die Erlaubnis des Vaters oder Ehemannes, um einen Pass zu beantragen.

 

Lesbische Frauen

Frauen sollen kein selbstbestimmtes unabhängiges Leben führen, sondern Männern in jeder Weise zur Verfügung stehen. Das zeigt sich in der Behandlung von lesbischen Frauen, die in vielen Ländern verfolgt und kriminalisiert werden. Viele Länder behaupten, dass es bei ihnen keine lesbische Sexualität gebe, in einigen steht auf gelebte lesbische Sexualität die Todesstrafe.

 

Frauen in Konflikt- und Krisengebieten

Die Massenvergewaltigungen von Mädchen und Frauen im Bosnienkrieg hat die Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht, dass in vielen Kriegen sexuelle Gewalt gegen Frauen gezielt als Waffe eingesetzt wird. Sie ist also keine eher zufällige und unbeabsichtigte Begleiterscheinung des Krieges, kein individuelles Schicksal der Frau oder Vergehen des Mannes. Die Vergewaltigung von Mädchen und Frauen wird bewusst und geplant eingesetzt, um den Kriegsgegner einzuschüchtern, zu demütigen und seinen Widerstand zu brechen. Gleiches erleben Frauen, die als Angehörige ethnischer Minderheiten leben, wie z. B. Kurdinnen, Tschetscheninnen, Palästinenserinnen oder Roma. Sie sind als Minderheit der Verfolgung in gleicher Weise wie Männer ausgesetzt. Doch zusätzlich werden sie als Mädchen und Frauen durch sexuelle Gewalt bedroht.

 

Politisch aktive Frauen

Viele Frauen sind zur Flucht gezwungen, weil sie sich in ihren Heimatländern politisch engagiert haben, oder weil sie als Angehörige politisch aktiver Männer verfolgt wurden. Auch viele dieser Frauen haben Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe erlebt, mit denen versucht wurde, ihren Willen zu brechen und sie gefügig zu machen.

 

Erfordernisse an das Exilland

Frauen, die nach Verfolgung und Flucht nach Deutschland kommen, sind häufig traumatisiert. Um mit ihrer Situation fertig zu werden, brauchen sie soziale Unterstützung durch Freunde oder Verwandte und sie brauchen Sicherheit – d. h. einen sicheren Ort, wo sie ohne Angst vor Übergriffen leben können, sowie Sicherheit in Bezug auf ihren Aufenthaltsstatus. Erst dann kann eine Therapie Aussicht auf Erfolg haben. Allerdings viele soziale Bindungen durch die Flucht zerbrochen. Die Unterbringung in Heimen oder Lagern mit vielen anderen Menschen auf engstem Raum bietet nicht die nötige Sicherheit, und der Weg bis zu einem sicheren Aufenthaltsstatus ist oft weit – wenn er denn je erreicht wird.

 

Besonderheiten der Anhörung

Traumatisierte Frauen haben heute durchaus die Möglichkeit, in ihrem Verfahren von Frauen befragt zu werden oder es stehen weibliche Dolmetscherinnen zur Verfügung. Trotzdem gibt es spezielle posttraumatische Verhaltensweisen, die den Regeln des Asylverfahrens entgegenstehen, so dass Frauen deshalb oft das Asyl verweigert wird:

  • Vermeidungsverhalten: Die Frauen können über das Erlebte nicht sprechen, oder sie tun es so emotionslos, dass unerfahrene Beobachter das für unglaubwürdig halten
  • Störungen der Gedächtnisleistung – Daher können Frauen oft nicht den geforderten detaillierten und widerspruchsfreien Bericht der erlittenen Verfolgung geben.

 

Neue Regelungen des Zuwanderungsgesetzes

Nach jahrelangem harten und zähen Kampf vieler Verbände und Frauengruppen erkennt das neue Zuwanderungsgesetz seit dem 1. Januar 2005 frauenspezifische Fluchtgründe als Asylgründe an. In gleicher Weise beinhaltet das neue Zuwanderungsgesetz auch Asyl bei nichtstaatlicher Verfolgung, wenn die Regierung des Herkunftslandes Frauen nicht in ausreichender Weise schützen kann. Das neue Gesetz bietet also das Instrumentarium, verfolgte Frauen in Deutschland zu schützen. Es wird weiter eine Aufgabe bleiben, darüber zu wachen, dass dieses Gesetz auch zum Schutz der Frauen ausgelegt wird.

 

Material

Sabine Böhlau, Refugio München: Frauenspezifische Fluchtursachen

Frauenspezifische Migrations- und Fluchtursachen – http://www.conne-island.de/

Pro Asyl: Das Zuwanderungsgesetz

Die Tageslosung

Die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine:
Donnerstag, 28. Juli 2016:
Losungstext:
So bekehre dich nun zu deinem Gott, halte fest an Barmherzigkeit und Recht und hoffe stets auf deinen Gott!
Hosea 12,7
Lehrtext:
So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.
Kolosser 3,12